Connect with us

Featured

Europas gammeligster Großstadtbahnhof

Published

Am

In den nächsten Wochen berichten wir in mehreren Teilen aus und über eine scheinbar vergessene Stadt. Mit gefühlt ausufernder Kriminalität, Angsträumen und dem beginnenden Verfall ganzer Stadtteile. Wir wollen uns in einer Bestandsaufnahme versuchen und mit Betroffenen sowie den Verantwortlichen sprechen. Im heutigen Beitrag werfen wir einen Blick auf den Hagener Hauptbahnhof.

Unserem Bericht vorausgegangen waren zahllose Hinweise von Leserinnen und Lesern, die berichtet hatten, man könne inzwischen überhaupt nicht mehr mit der Bahn nach Hagen reisen. Anja S. schrieb uns, man könne als Frau nicht mehr unbehelligt zur Arbeiten gehen. Im Bahnhofsgebäude und erst recht außerhalb würden Frauen ständig von merkwürdigen Gestalten angesprochen, nicht selten Beleidigt und sogar angefasst. Dies würde sich nicht nur zu besonderen Veranstaltungen, wie etwa in Köln, sondern täglich so ereignen.

Mario K. berichtet uns von seiner letzten Bahnreise. Er hatte einige Tage in Österreich verbracht und schwärmte von blitzsauberen Dorfbahnhöfen mit modernen elektronischen Zuganzeigen, Toiletten, die man benutzen konnte und sogar einem gastronomischen Angebot an beinahe jedem Provinzbahnhof. Und dann erzählte er uns von seiner Rückfahrt nach Hagen. Er war vom österreichischen Linz mit nur einmal Umsteigen bis nach Hagen gefahren. In Linz sei er in einem scheinbar „handpolierten“ Bahnhof eingestiegen und Stunden später schließlich wieder ausgestiegen. Dort – in Hagen – habe er geradezu einen Schock erlitten. Die düsteren Bahnsteige seien total verdreckt gewesen. Im Bahnhofsgebäude habe es flächendeckend nach Urin gestunken und der Müll habe ihm sprichwörtlich bis zum Hals gestanden.

Zeit für einen Ortstermin für unsere Autorin. Ist es wirklich so ein Gammelbahnhof? Schließlich hatte die Bahn ja schon vor 20 Jahren mit den selben Vorwürfen zu kämpfen. Da muss sich doch etwas getan haben…

Wir haben den Bahnhof an mehreren Tagen besucht und sind zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dasselbe Bild gestoßen: Es ist tatsächlich überall extrem dreckig, vollgepinkelt und grundsätzlich vernachlässigt. Im Bereich des sogenannten Personentunnels, also dort, wo die Menschen von der Bahnhofshalle zu den Bahnsteigen gehen, lag der Müll teilweise 10 Zentimeter hoch.

Advertisement

Und die Sicherheit? Die können wir auch nur auf Grund des ganz subjektiven Empfindens der Autorin beurteilen. Tatsache ist, dass es besonders in den Abendstunden von merkwürdigen Typen wimmelt, die Frauen angaffen, als hätten sie noch nie eine gesehen. An solchen Orten würde sich eine Frau freiwillige niemals aufhalten, findet unsere Autorin. Während unserer Besuche haben wir übrigens keine Sicherheitsmitarbeiter oder Polizisten gesehen.

Wir kommen mit zwei jungen Frauen ins Gespräch, die offenbar auf ihren Zug warten. Wie wollen natürlich wissen, wie sie sich an diesem Bahnhof fühlen. Sie sagen uns, sie seien in einem Modegeschäft in der Innenstadt angestellt. Der Heimweg durch die Innenstadt und den Bahnhof sei inzwischen ein wahrer Spießrutenlauf. Dazu käme noch die Tatsache, dass in den Abendstunden wenig Busse fahren würden und man durch die übelsten Gegenden zu Fuß gehen müsse. Der Bahnhof selbst sei halt überall dort, wo Bahn sei, fürchterlich. Man würde etwaige Wartezeiten eben beim Bäcker oder in dem neuen Supermarkt verbringen. Dort sei es halbwegs angenehm. Außerhalb der Öffnungszeiten würde man eben gar nicht nach Hagen fahren.

Zeit für eine Anfrage an die Bahn. Die hat uns ja schon vor 20 Jahren erzählt, sie wolle nun den gammeligen Bahnhof in Ordnung bringen, den selbst die Mitarbeiter damals Tropfsteinhöhle nannten, weil es überall von den Decken tropfte.

Ein Sprecher der Bahn teilte auf Anfrage mit, man habe nun das Reinigungskonzept verändert. Seit Anfang November würden die Mülleimer öfter geleert und die Bahnsteige öfter gereinigt. Gegen die Taubenplage könne man nichts machen, man würde aber den Kot nun öfter mal entfernen.

Darüber hinaus – das hatte die Bahn uns vor etwa zwei Jahren mitgeteilt – wolle man den Bahnhof grundsätzlich renovieren. Dazu würden die Bereiche rund um die Bahnsteige in Ordnung gebracht.

Advertisement

In den letzten 20 Jahren hat die Bahn tatsächlich schon Teile der Bahnhofshalle renoviert und einige moderne Ladenlokale gebaut. Das lässt hoffen. Immerhin wäre es nun denkbar, dass die Bahn – wenn sie in diesem Tempo weiterarbeitet – den Rest des Bahnhofes bis zum Ende des Jahrhunderts renoviert hat…

Was klingt wie ein Stammtischwitz ist allerdings ein trauriger Skandal. Die Bahn ist ein Staatsunternehmen. Es ist also so, dass die Regierung eines reichen Landes absichtlich oder aus Unfähigkeit seine Infrastruktur verkommen lässt. Dies, obwohl die Bürger dieses Landes geradezu abartig viel Steuern zahlen.

Eine Antwort auf die Frage, wie so etwas sein kann, haben wir noch nicht erhalten. Wir würden aber noch einmal berichten, wenn wir den neuen Verkehrsminister dazu befragt haben…

Und wie steht die Stadtverwaltung zu dem Thema? Immerhin müsste es ihr doch wenigstens peinlich sein, Heimat von Europas gammeligstem Großstadtbahnhof zu sein!?

Die Stadtverwaltung gibt sich merkwürdig unaufgeregt. Auf Anfrage einer unserer Autoren teilt ein Sprecher mit, man sei in ständigem Austausch mit der Bahn und außerdem habe sich ja schon viel verändert.

Advertisement

Äh ja .. und außerdem ist die Stadt ja auch nicht zuständig, ergänzt die Autorin dieses Beitrages. Nicht zuständig zu sein ist schließlich die Kerntätigkeit eines jeden Verwaltungsbeamten, hatte Oma einst behauptet…

Es hab aber mal einen, der kurz mal eine Art Zuständigkeits-Flash erlittet hat: Der frühere Bürgermeister Jörg Dehm (CDU) hatte in einem Brief an die Bahn auf den üblen Zustand der Verkehrsstation aufmerksam gemacht und gleich eine ganze Fotosammlung mitgeschickt. Gut möglich, dass dieses Engagement den Startschuss zu den nun begonnenen Arbeiten gegeben hat. Gegen die allgegenwärtige Lustlosigkeit beim Staatskonzern hat das aber nicht geholfen…

In der nächsten Folge unserer kleinen Serie schauen wir uns die Sicherheitslage rund um den Bahnhof und in der Innenstadt an und sprechen mit Vertretern des Handels über ihre Einschätzung der Situation.

(ah/ap)

Advertisement
Weiterlesen
Advertisement
Zum kommentieren klicken

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert